ALPHABETISIERUNG.
Ihre Nachbarin kann nicht richtig lesen und schreiben…
Ihre Patienten nehmen trotz klarer Informationen ihre Medikamente falsch ein…
Ihr Kollege kann bei Teamsitzungen nicht richtig mithalten und findet immer einen anderen Grund, das Protokoll nicht schreiben zu müssen…
Ihr Auszubildender führt sein Berichtsheft nur bruchstückhaft und voller Fehler…
Die Frau heute morgen am Fahrkartenautomat fragte nach Hilfe; sie habe ihre Brille vergessen…
… Und was tun Sie?
Analphabetismus zum Thema machen
Analphabetismus ist im Land der Dichter und Denker immer noch ein Tabuthema. Mehr als vierzehn Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland (18-64 Jahre) gelten als funktionale Analphabet/-innen. Das entspricht einer Größenordnung von 7,5 Millionen Menschen. Das heißt, dass diese Menschen zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben können, nicht jedoch zusammenhängende -auch kürzere- Texte. Betroffene Personen sind aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenzen nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben.
Quelle:
leo.-Level-One Studie: Funktionaler Analphabetismus in Deutschland,
Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Wibke Riekmann, Universität Hamburg
Funktionale Analphabeten in Deutschland?
Funktionale Analphabeten können in Grundzügen lesen und schreiben, unterschreiten aber - so eine Definition - die gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, um sich den zielgerichteten Aktivitäten ihrer Gruppe und Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für ihre eigene Entwicklung und die ihrer Gemeinschaft zu beteiligen“ (UNESCO 1962).
Analphabeten fallen häufig nicht auf, denn sie entwickeln gekonnt Strategien, ihre Defizite zu verbergen oder Situationen zu vermeiden, in denen das Lesen und/oder Schreiben erforderlich sind. Sie befürchten bloßgestellt zu werden oder auch ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Es lassen sich verschiedene Stufen der Alphabetisierung unterscheiden:
- überhaupt nicht lesen und schreiben zu können
- einfache Wörter/Texte nur mühsam lesen und schreiben zu können
- relativ gut lesen und schreiben zu können, aber wegen der vielen Fehler das Schreiben vermeiden.
Seit über 30 Jahren Hilfe für Lese- und Schreibunkundige
Um hier Unterstützung zu leisten, bieten die Volkshochschulen Alphabetisierungskurse an. Sie gehören bundesweit zu den größten Kursanbietern in diesem Bereich für Deutschsprachige. In Rheinland-Pfalz fördert das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur (MBWWK) Maßnahmen der Alphabetisierung bereits seit Ende der 1980er Jahre. Vor nunmehr 30 Jahren wurden vom Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e.V. die ersten Alphabetisierungskurse initiiert.
Alphabetisierungsangebote an Volkshochschulen:
- beraten, begleiten und unterstützen – individuell und vertraulich
- sind auf den jeweiligen Lernstand zugeschnitten
- vermitteln grundlegende schriftsprachliche Kompetenzen zur Anwendung in der Alltagskommunikation
- unterstützen Lernende dabei, die Lese- und Schreibanforderungen, mit denen sie im Alltag konfrontiert werden, selbständig zu bewältigen
- orientieren sich an der jeweiligen persönlichen Situation der Teilnehmenden
Alpha-Kursleitende an Volkshochschulen:
- sind speziell für die Arbeit mit der Zielgruppe qualifiziert.
- bilden sich regelmäßig fort.
- sehen Betroffene als eigenständige Personen in ihrer Individualität.
- verstehen die jeweilige individuelle Situation und bauen Brücken.
- nehmen Lernblockaden ernst und arbeiten an ihnen.
- fangen Rückschläge auf und begleiten sie.
- gestalten erwachsenengerechte Lernprozesse in kleinen Gruppen.
- bieten rundum guten Unterricht mit hochwertigen, wissenschaftlich fundierten Methoden und Materialien.
Bildung für alle
Im Rahmen der Weltalphabetisierungsdekade der Vereinten Nationen (UN) 2003-2012 sollen innerhalb der Initiative „Bildung für alle“ die Analphabetenrate bei Erwachsenen um die Hälfte reduziert und Grundbildung als ein Menschenrecht für alle realisiert werden.
Dazu hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für den Zeitraum von 2008-2012
eingerichtet.
Projekt AlBi – Alphabetisierung und Bildung
Im Themenbereich Professionalisierung dieses Förderschwerpunkts beschäftigt sich das Projekt „AlBi - Alphabetisierung und Bildung“ mit der Qualifizierung und Angebotsentwicklung in der Alphabetisierung und Grundbildung.
Der Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e.V. ist als Projektträger beteiligt und im Projekt AlBi vertreten. Weitere beteiligte Organisationen sind die Universitäten Mainz und Kaiserslautern; die Landesverbände der Volkshochschulen Hessen und Saarland; die Katholische Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland; die Evangelische Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland; die Arbeitsstelle für die Weiterbildung der Weiterbildenden an der Universität Koblenz-Landau; die Landesarbeitsgemeinschaft anderes lernen Rheinland-Pfalz sowie Arbeit und Leben gGmbH Rheinland-Pfalz.
Im Rahmen des Projekts AlBi bleiben Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebote in den Regionen für Volkshochschulen dauerhaft erhalten bzw. werden ausgebaut. Auch für bisher nicht erreichte Teilnehmer können somit zusätzliche innovative Angebote bereitgestellt werden.
Daten - Zahlen - Fakten (2010)
Im Jahr 2010 unterstützten 24 Volkshochschulen in 129 Kursen mit knapp 7.000 Unterrichtsstunden nahezu 1.000 Teilnehmende bei der Erweiterung ihrer Lese- und Schreibkompetenz.
Ansprechpartner: Dirk Wolk-Pöhlmann, Tel.: 0 61 31 - 2 88 89 - 12



